Blog #7: Wasserturm

Eine Legende aus Kalk. Von Alexander Estis.

Jetzt, wo wir einen getrunken haben, verrate ich dir was. Ich bin der Erfinder der literarischen Hydraulik. Ich bin nämlich Ingenieur, mußt Du wissen. Was man mit der literarischen Hydraulik machen kann? Zweierlei: Literatur wäßrig oder Wasser literarisch. Da ersteres meiner speziellen Technologie nicht bedarf, widme ich mich dem letzteren.

Hierfür habe ich einen Turm. Die Funktionsweise ist hermetisch, aber ich verrate sie Dir, ich bin nämlich Ingenieur. Den unteren Trakt des Turms bildet eine Rotunde mit Büchern. Durch diese Rotunde wird das Wasser hydraulisch aufwärts gepumpt. Dabei vollzieht sich aufgrund osmotischer Vorgänge eine Anreicherung des Wassers mit literarischer Substanz. Wie das? Mittels des homöopathischen Gedächtniseffekts. Die Konzentration beträgt nach erfolgter osmotischer Prozedur genau vierzehn Promille, und diese Proportion ist entscheiden.

Dann wird das literarisierte Wasser in den oben befindlichen Tank geleitet. Dieser faßt zweihundertsiebzig Kubikmeter. Stell dir das vor: Das mach fast vier Kubikmeter literarische Substanz. Vom Tank aus wird es dann in das örtliche Wassernetz eingespeist.

Das errate ich Dir als Ingenieur. Aber die meisten Anwohner der Region wissen natürlich nicht, daß ihr Wasser literarisiert ist. Sie denken, es sei herkömmliches Kalkwasser. Ich selbst habe einmal sehr viel literarisches Wasser getrunken, ich sage es dir, und dann habe ich diese Hydraulik erfunden; oder aber sie mich.

(„Wasserturm“ von Alexander Estis. Erschienen in: Jonas Linnebank (Hg.). Kalk Alphabet. Parasitenpresse. Köln 2020. S. 29.)

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