Blog #19: Vorsicht: Geld.

Von Anna Pia Jordan-Bertinelli

Schriftstellerei ist ein Beruf wie jeder andere auch – oder? Gedanken darüber, was passiert, wenn mensch von literarischem Schreiben als Erwerbstätigkeit erzählt oder erzählen lässt, und was das mit Juli Zeh und dem durchschnittlichen Preis für ein Bio-Ei zu tun hat.

1968, als sie noch kaum einen Vers veröffentlicht hatte, schrieb Elke Erb:

Was über mich erzählt wird

In meinem Schloss brennen 25 Kronleuchter
Und drei Goldfische habe ich in meinem Aquarium schwimmen

Und ich bekomme viertausend Mark für einen Vers
Und arbeite an sechs Zeilen ein Jahr

Und jeden Morgen kann ich mir nach dem ersten Ei auch noch
ein zweites leisten ganz wie ich will ein Ei oder zwei

Der Pointe zum Trotz frage ich mich: Konnte sie? Erbs Gedicht ist anlässlich ihrer Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis im Jahr 2020 oft zitiert, ihr Mut, sich ins ungewisse Dichterinnen- und Übersetzerinnenleben zu stürzen ebenso häufig kommentiert worden. Doch wie Erb sich vor ihrer ersten Publikation finanzierte, ist nicht Teil dessen, was über sie erzählt wird.

Muss es das denn? Auf Erb als Individuum bezogen sicherlich nicht. Aber wenn der Output von Schriftsteller*innen Teil eines Marktes ist, dann ist auch der Verdienst von Schriftsteller*innen etwas, das zwar nicht notwendigerweise erzählt, aber doch an- und ausgesprochen werden muss – gerade wenn der Buchhandel und die Verlagsbranche ihre Beschäftigungen und Einkommen zu einem großen Teil mit diesem Output generieren. Denn das können viele Schriftsteller*innen eben nicht, oder zumindest nicht ausschließlich.

In der Anthologie Irgendetwas mit Schreiben (mikrotext 2017) schreibt Ex-Schreibschüler Thomas Klupp: „Eine freie, erfolgreiche Autorenexistenz bedeutet: Man schreibt immer genau das, was man schreiben will (…) und man verdient damit Minimum 40.000 Euro im Jahr. 40.000 Euro netto, unter Garantie, jedes Jahr. (…) Wie alle Schreibschüler mit der Ausnahme Juli Zehs habe ich diese Existenz verfehlt. Wie alle Schreibschüler mit der Ausnahme Juli Zehs musste ich meine ursprünglichen Vorstellungen von meinen literarischen Fähigkeiten und meiner Rolle in der Welt der Literatur nach unten korrigieren. Im Kern ist mein, ist unser aller Post-Schreibschüler-Leben ein steter Akt des Uns-selbst-nach-unten-Korrigierens.”

Aber was heißt das konkret – sich selbst nach unten korrigieren? Im Fall von Klupp: Vom Schreibschüler zum Schreibschullehrer. Für andere Schriftsteller*innen – nicht nur, aber auch Schreibschulabsolvent*innen – bedeutet es:

  • einen Brotjob haben, d.h. nur nebenberuflich oder in der „Freizeit“ schreiben
  • auf das Vermögen der eigenen Familie angewiesen sein
  • auf das Vermögen von Partner*innen, Mäzen*innen oder Freund*innen angewiesen sein
  • mit Einkünften leben, die statistisch unterhalb der Armutsgrenze liegen
  • Hartz IV beziehen, d.h. trotz der schriftstellerischen Tätigkeit als arbeitslos gelten

Der Lyriker Tobias Schulenburg legt in der Vita seines Debütbandes Es sich schön machen (parasitenpresse 2020) seine Umsätze im Jahr 2019 offen: Den monatlichen Ausgaben von 1026€ stehen Einnahmen von 969€ gegenüber – wohlgemerkt aus der Tätigkeit als Büroassistent, und nicht aus der Arbeit als Dichter und bildender Künstler. Der Differenzbetrag wurde durch Nachzahlungen und Geldgeschenke gedeckt. Noch krasser Stefan Mesch, der in Irgendwas mit Schreiben ausführt, wie er 2009 zurück in sein altes Kinderzimmer zieht, um sich ganz auf seinen Debütroman zu konzentrieren. 2013 hatte er nach eigenen Angaben ein Jahreseinkommen von 2.800€; 2020, nach 11 Jahren Schreibarbeit, hat er seinen Roman fertiggestellt.

Also noch einmal anders gefragt: Sollte man für das Schreiben eines Gedichts, einer Kurzgeschichte, eines Romans Geld bekommen, auch wenn es anfangs nicht sicher ist, ob das Ergebnis am Ende jemand lesen wird?

Wenn man das Schreiben als Erwerbstätigkeit denkt, ist auch ein Preisgeld von 10, 20, 30 oder sogar 50.000€ – wie der Büchner-Preis, den Elke Erb nach über 40 Jahren Arbeit erhalten hat – plötzlich gar nicht mehr so viel, zumal es dem regulären Jahreseinkommen anderer Berufsgruppen entspricht.

Was über mich erzählt wird wurde unter anderem in dem Band Nachts, halb zwei, zu Hause. Texte aus drei Jahrzehnten (Reclam Leipzig 1991) veröffentlicht. Das Buch ist mittlerweile vergriffen, ein signiertes Exemplar wird im Internet für 90€ angeboten. Bei einem Durchschnittspreis von 0,35€ pro Bio-Ei könnte man sich davon 257 Frühstückseier leisten.


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