#5: ICH (1. Person Singular)

EDITORIAL:

Kay-Lee ist von Zeit zu Zeiten gegangen. Eigentlich wollte sie schon längst davon zurück sein und so lange wie dieses mal, hat sie uns noch nie alleine gelassen. Ich mache mir eine Sorge und will gerade anfangen nach ihr zu suchen, da hält mir jemand von hinten die Augen zu und fragt mit vertrauter Stimme: Wer bin Ich?

Ich muss nicht raten, ich weiß es: Kay-Lee! rufe ich erleichtert. Sie nimmt ihre Hand weg, ich drehe mich zu ihr um, aber was ich zu sehen bekomme, ist nicht das, was ich erwartet habe. Wo früher Kay-Lees Gesicht war, ist jetzt ein Spiegel. Ich bin verwirrt. In dem Spiegel sind neben meinem Gesicht noch viele andere. Kay-Lee, was ist denn mit dir passiert? Du siehst so … so anders aus. Ich meine, schön, dass Du da bist, aber bist das wirklich Du?

Ja, das ist Ich, sprechen die Kay-Lee-Gesichter im Chor. Hab ich machen lassen: new face, new style, new person. Musste mal mein Ego aufpolieren und jetzt all eyes on me, baby! Ab heute geht’s um ICH. Likest Du das?

Ja, sieht schon irgendwie schön aus, finde ich. Aber ist das nicht ein bisschen selbstzentriert? ICHICHICH. Kann oder sollte man sich denn einfach so ein neues Ego zulegen? Erstmal an sich selbst denken klingt so ego-ist-ich Und kommt es dabei nur darauf an, wie man sich präsentiert oder darauf, wie man von den Anderen gesehen wird? Kann man einfach so eine neue Rolle spielen?

ManManMan. Immer noch die alte Leier voll allgemeiner Fragen. Wer oder was soll dieses ‚man‘ sein, von dem Du da faselst. Schau dich um – siehst Du hier irgendwo ein ‚man‘? Es gibt dich und mich und die Anderen. Und irgendwo muss Veränderung ja anfangen. Warum also nicht bei mir, der ersten Person Singular? Wenn Du bei dir anfängst, sind wir immerhin schon mal Plural.

Ja, schon. Aber wo fängt Ich denn an? In meinen Eltern: ich bin geboren, also bin ich? Oder bei Descartes und seinem abgenudelten: ich denke, also bin ich? Mit meinem Körper, in meinem Körper? Wie verändere ich Ich? Und wie verändern die Anderen Ich? Kay-Lee verdreht ihre vielen Augen. Aber sie lächelt auch, was wieder schön und zugleich ziemlich weird aussieht.

Liebchen, das hatten wir doch letztes mal schon geklärt. Du beginnst zwischen einem Ich und einem Anderen. Und Du bist das, was du tust, also tu nicht so als ob. Die gute Nachricht ist, es gibt genug zu tun und da ist garantiert für jede*n was dabei. Schau dich noch mal um.

Ich gucke. Vor mir ist Kay-Lee oder der Spiegel, aber was ich darin sehe, verändert sich fließend. In dem Gesichtermeer ist plötzlich Land in Sicht: Ein Deutschland. Kein schöner Land in dieser Zeit und aus lauter Scham, Angst und Wut wird mir kotzübel. Spieglein, Spieglein in der Hand, was ist los in diesem Land? Der Spiegel fragt zurück, was denn mit mir los sei. Ich weiß es nicht, aber je länger wir uns anschauen, desto persönlicher wird es zwischen uns und desto mehr verändert er mich.

Siehst Du? Fragt Kay-Lee zärtlich. Jedes ICH ist Influencer*in und wird von dem influenced, was es gezeigt bekommt. Also take yourself seriously. Denn was du tust hängt damit zusammen, was du willst. Und was Du willst wieder damit, was Du siehst und mehr noch mit dem, was Du alles nicht siehst. ICH ist Input. ICH ist Output. Und Du bist die Connection dazwischen.

In diesem Sinne: All eyes on me, yourselves and I…

Texte von: Kerstin Simon, Stan LaFleur, Elfa Oi, Christian Lange-Hausstein, Alexander Estis, Sebastian Schmidt, Markus Grundtner, Harald Kappel, Ulrike Schweitzer, Lars Weylthaar, Luka*s Firedland, Stephan Weiner, Anna Pia Jordan-Bertinelli, Philipp-Bo Franke, Jan Grue (aus dem Norwegischen übersetzt von Anna Pia Jordan-Bertinelli), Krisjanis Zelgis (aus dem Lettischen übersetzt von Adrian Kasnitz)

Bilder von: Sophia Süßmilch, Michele Brancati, Kay-Lee Teratur

Layoutkunst von: Marleen Böcker, Andrea Tacke, Sarah Oswald, Alisa Erbes

Schwerpunkt: Was hat das mit mir zu tun? Ein Dossier über Rassismus in Deutschland (mit Auszügen aus: Tupoka Ogette: Exit Racsim, Maxim Biller: Literatur und Politik, Lea Wohl von Haselberg: der freitag Nr. 24/2020 vom 11.06.2020, Esther Dischereit: Mama, darf ich das Deutschlandlied singen, Fatma Aydemir & Hengameh Yaghoobifarah: Eure Heimat ist unser Alptraum)

Übersetzungen: Serbisch-deutsch (Zeljana Vukanac)

Rezension zu: Faber, I fucking love my life

Auszüge aus: Max Frisch: Tagebuch 1946-1949