die #1: Gott

EDITORIAL: Am Anfang war die Frage

Wir müssen mal wieder über Gott reden. Oder besser, wir müssen über Gott schreiben, Sie über Gott lesen, wir gemeinsam über Gott nachdenken. Warum ist klar, oder nicht? Er ist abgetaucht, irgendwo und irgendwann zwischen Säkularisierung, „Laudato si“ am Lagerfeuer und iCloud. Ein herber Verlust für die Menschlichkeit. Gäbe es mehr Gott, wäre die Welt besser. Es gäbe weniger Tote im täglichen Mittelmeer und die Reichen hätten Angst um ihre Seele, nicht um ihr Geld. Populismus und Überwachungsstaat – sowas würde es mit einem wieder geglaubten Gott nicht geben … Oder doch? Oder gerade deswegen?

War Gott nicht der Proto-Populist? Schließlich hat er sein Volk mit leeren Versprechungen durch die Wüste geschickt, gegen Andersgläubige gehetzt, war ehrsüchtig und launisch. Gegen seine Sintflut ist der zeitgenössische Klimawandel Kindergarten, das mit der „nationalen Leitkultur“ ist auf seinem Mist gewachsen und besonders kreativ war seine Schöpfung auch nicht: Ein Garten, ein Mann, eine ihm gehorchende Frau, ein paar Haustiere, ein Apfelbaum und die 6-Tage-Woche. Da geht’s uns mit Patchwork, Sabbatical-year, Urban Gardening und globaler Vernetzung doch deutlich besser. #WeRule. Sind wir ohne ihn also besser dran?

Moment mal, von welchem Gott reden wir hier? Von deinem, meinem, von einem, einer? Warum geben wir Gott ein Personalpronomen, warum ist es männlich und wohin ist ‚Gott‘ denn nun verschwunden? Vielleicht war er ja nur zulange bei der falschen PR-Agentur und hat den Zeitgeist verschlafen. Oder Sie ist der Zeitgeist und wirkt in den Fußballtempeln dieser Welt, wenn die Heilsbringer in Nike-Schuhen ihre Kreuzzeichen in den Himmel machen und sich von ihren Anhängern lobpreisen lassen. Oder ist Er beleidigt? Wegen Nietzsche, Freud und weil wir Ihm im Eifer des Gefechts um das Ich keine Beraterroller angeboten haben? Oder Es hat sich einfach aus dem Staub gemacht: Fluchtursache Menschheit – Der Fernseher läuft, der Kühlschrank mit Bier und Pizza voll und im Garten mit Opas Gewehr auf Nachbars Katze schießen….

Aber welchen Gott bräuchte diese post-meta Welt überhaupt? Kann nicht Venus den demographischen Wandel steuern und Ra sich um die Erderwärmung kümmern? Kann Buddha nicht den Hunger aus der Welt schaffen, Amor alle 11 Minuten einen Pfeil abschießen und bei wem genau kann man die gesammelten Karmapunkte eigentlich eintauschen? Ist Gott eine Antwort? Und wenn ja, wie viele? Glauben wir noch eine Antwort zu wissen?

In vier Kapiteln wollen wir ein bisschen investigativen Theismus betreiben. A-B-C-Theismus sozusagen und den Fall wieder aufrollen: das heißt Erinnerungen nachspüren, Gespräche mitschneiden, Texte zerschneiden, die alten Bilder neu auswerten und uns der staubigen Akte „Gott“ widmen. Irgendwo gibt es bestimmt noch ein unentdecktes Gottes-Teilchen, eine Abrechnung, die nicht aufgeht, etwas Unerhörtes, einen Grund.

In diesem Sinne: Amen, Shalom und Allahu akbar!


Man kann es Kunst nennen. Man kann es Literatur nennen. Wir haben es KLiteratur genannt. Bekommen könnt Ihr eurer Exemplar von Gott hier. Ein paar bildhafte Eindrücke von der #1 gibt’s hier



mit Texten von:

Bernd Lüttgerding, Lara Rüter, Gerald Fiebig, Ulla Hiltl, Katja Panyutina, Michael Bauer, Adrian Kasnitz, Bernd Quante, Philipp Schulz, Kerstin Meixner, Christoph Danne, Jonas Linnebank, Kerstin Fischer, Marco Monaco, Christian Lange-Hausstein, Matthias Engels, Anna Gramm, Paul B. Meister, Raimond P., Ronya Othmann, Johannes Witek, Nurduran Duman, Bo Franke, Stéphane Mallarmé, Cecco Angiolieri, William Butler Yeats, Marlies Blauth, Sigrid Newman. Mit Auszügen von Robert Musil, Martin Buber + Franz Rosenzweig, Botho Strauß, Milan Kundera, Giorgio Agamben, Meister Eckhardt, Heinrich Böll, Max Frisch.


und Bildern von:

Thorsten Boese, Najel Graf, Marleen Böcker, Claudia Kohlhof, Gianluigi Esposito, Sarah Buckner, Menschenmaler Köln, Marta Pieczonko, Akinna Thar, Tobias Schulenburg, Jan-Niklas Thape, Ronja Rindel, Simon Gottwalles


ISSN  2698-5160 (Print)  / 2698-5306 (Online)