Website-Icon KÖLNER LITERATURZEITSCHRIFT

Blog #28: Alles kann sich ändern nur die Wurst hat zwei

Von Philipp-Bo Franke

Ich fahre mit dem Rad durch einen januargrauen Morgen. Deutschland im Januar ist generell grau, aber dieser Januar ist anders, auch in Köln. Es ist Wahlkampf. Die graue Stadt hängt voll mit bunten Plakaten, auf denen mir Politik-Gesichter Slogans zurufen. Und wie bei allen Wahlen der letzten Jahre fühle ich mich dabei auch heute morgen unweigerlich an Clemens Schittko und sein Gedicht „Dumm“ erinnert. Alles wird immer dümmer / alle werden immer dümmer, tönt er in meinem Kopf auf dem Fahrrad.

An der ersten roten Ampel lächelt mich Anna-Lena Baerbock auf grünem Hintergrund an. Darunter der ‚Slogan‘: Zusammen. Untertitel: Ein Mensch. Ein Wort. Wahlplakate bieten kaum Platz und schon gar nicht für Inhalte, das ist klar. Aber ernsthaft? Das gleiche Plakat gibt’s auch mit Habeck und Zuversicht. Wow. Weniger ist hier nicht mehr, sondern fast gar nichts. Dabei hatten die Grünen Kampagnenmacher*innen zuletzt mit Slogans wie „Einigkeit gegen Rechts für Freiheit“ doch gezeigt, dass sie es besser können. Die Ampel springt um, ich schüttle seufzend den Kopf und fahre weiter.

Im Grüngürtel radel ich an Plakaten der Linken vorbei. Das sieht nicht nur billig und altbacken aus, es klingt auch noch nach Kinderreim: Ist dein Einkauf zu teuer, macht ein Konzern richtig Kasse. Oder: Ist deine Miete zu hoch, freut sich der Vermieter. Weder sexy noch catchy und seit 20 Jahren die gleiche Leier. Andererseits ist dieser Vorwurf unfair, denn es ist auch seit mehr als 20 Jahren das gleiche Problem. Schätzungen zufolge besitzt das reichste 1 Prozent der Haushalte rund ein Drittel des Gesamtvermögens in Deutschland. Gesicherte Angaben zu den Vermögen der Reichsten gibt es nicht, da diese seltenst an Umfragen zur Reichtumsverteilung teilnehmen, aber selbst konservativen Statistiken zufolge sitzen die Reichsten 10% hierzulande auf mehr als 56% des Vermögens. Andere Zahlen mit gleichem Inhalt: die unteren 50% besitzen 2,3% des Vermögens. Die unteren 75% – also Dreiviertel der deutschen Bevölkerung – hat 18% vom Kuchen. Stellen Sie sich vor, sind auf einer Party mit 100 Gästen und der Gastgeber schneidet ein knappes Fünftel vom Kuchen ab und setzt das 75 Gästen vor. Gleichzeitig bekommt ein einzelner Gast ein gleichgroßes Stück. Wäre ich unter den 75, hielt ich den Gastgeber für unverschämt respektlos und den einen Gast für einen Vielfraß. Wäre ich der eine Gast, würde ich mich zu Tode schämen und versuchen, mit dem Gastgeber über seine Vorstellung von einer gelungenen Party zu reden.
Sag ich doch: Der alte Schuh. Aber was soll man machen, wenn man recht hat, es aber keiner hören will? Werbetechnisch gesehen muss in dem Fall eine neue Verpackung her (und Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, höhere Steuern auf Kapitalerträge oder eine Finanztransaktionssteuer wären zur Abwechslung mal wirklich innovativ, fast mindblowing modern, dass müsste sich doch eigentlich auch so verpacken lassen). Ich gebe zu, dass ich selbst noch nach passenden Slogans suche, aber wenn ich sie habe, biete ich sie der Linken gern an. Für gutes Geld versteht sich.

Auf der Neusserstraße ärgere ich mich doppelt: Neben den SPD-Gesichtern leitet ein QR-Code zum Wahlprogramm und damit haben die SPD-Kampagnenmacher*innen meine Idee geklaut. Eigentlich wollte ich mich damit einer Partei als gut zu bezahlender Wahlkampf-Werbetexter anbieten, da Plakate nur Catcher sein können die zu Inhalten führen. Aber die Kampagnenleute der SPD haben meine Idee nur zur Hälfte umgesetzt und damit scheiße. Es fehlen catchy Slogans. Der QR-Code allein lässt niemanden das Handy zücken.
Ohne Phrasen kommt aber auch die SPD nicht aus. Am Ebertplatz passiere ich Oberschlumpf Olaf Scholz in Superplakatgröße der ‚Mehr für dich‘ verspricht. Aha. Mehr wovon? Wie bei der AfD mehr Deutschland oder was soll der wehende Deutschlandfahnenhintergrund? Außerdem will gar nicht mehr, sondern weniger: weniger Miete zahlen, weniger Autos in der Stadt, weniger Klimakrise und Krieg um mich herum und weniger Angst vor der Zukunft.

Als ich am Adenauer-Ufer vorbeikomme raste ich kurz aus: Friedrich Merz wirbt „Für ein Deutschland, auf das wir wieder stolz sein können“. Genauso eine unkonkrete Scheiße wie bei Scholz, dafür aber ganz weit offen nach ganz weit rechts. Ja, doch, ja! Ich will auf Deutschland stolz sein können. Beispielsweise wäre ich stolz darauf, wenn wir hier die weltbeste soziale Absicherung hätten, oder wenn gute Schulen allen Kindern gleichermaßen gute Bildung ermöglichen würden. Ich wäre stolz auf Deutschland, wenn man hier auch als alter Mensch gut leben könnte. Ich wäre stolz, wenn gerade jetzt im Januar niemand in Deutschland auf der Straße erfrieren müsste und ich wäre megastolz, wenn Deutschland das erste Land der Welt wäre, dass seinen Energiebedarf zu 100% durch erneuerbare Energien abdeckt. Aber das meint Merz hier nicht. Was die CDU mit diesem Slogan meint, ist: Wir begrüßen die Deutschlandfahnen in den Gärten und das Mitsingen der Nationalhymne. Lasst uns wieder wer sein! Make deutsche Leitkultur great again und make Germans stolz again. Ist doch jetzt mal gut mit Erinnerungskultur. Nationalstolz ist nicht rechts.

Für meine Ohren ist alles das mitgemeint, denn wer will, kann man das reinlesen. Und damit ist so ein Slogan nur ein weiteres wohlkalkuliertes Loch in der sogenannten Brandmauer, die unter Merz zu einem morschen Jägerzaun mit offenem Törchen verkommen ist (falls sie je eine Mauer war). Nicht zufällig lautet auch einer der AfD-Slogans ‚Zeit, wieder stolz zu sein‘. Fragt sich nur, wer hier von wem abgeguckt hat? (Wobei das leicht zu sagen ist, bei dem was sich die CDU zuletzt auch an Forderungen von der AfD abgeguckt hat. Zudem wäre es nicht das erste mal. Schon 2023 fand die AfD auf Plakaten, dass ‚der deutsche Pass keine Ramschware ist‘. 2024 las man das 1:1 auch so bei der CSU.)

Auf dem Rückweg erlöst mich ausgerechnet die FDP aus der blauschwarzbraunen Wahlkampftristesse: Auf den Ringen Höhe Mediapark hängen zwar die gleichen Lindner-in-schwarz-weiß-Plakate wie immer, aber bei Lindner in Kombi mit ‚Alles lässt sich ändern‘ kann ich nicht anders als laut zu lachen. Da ist er wieder, der Clemens-Schittko-Moment.
Digital first – Bedenken second war schon hohl, aber das hier ist mit Abstand das hohlste, was ein Politiker sagen kann und an Hohlheit nicht zu unterbieten. Nicht, als ob Lindner damit unrecht hätte. Natürlich lässt sich sehr vieles ändern und sehr vieles in diesem Land sollte geändert werden. Darum geht es ja und die Frage ist was und wie und nicht ob. Stellen Sie sich vor, jemand fragt, wo ihre Prioritäten liegen, wofür Sie stehen, welche Ideen Sie haben, oder überhaupt, wo Ihrer Meinung nach ein Problem liegt, und Sie antworten ‚alles lässt sich ändern‘. Ja, genau. Das macht überhaupt keinen Sinn. Genauso gut könnte da stehen: Wir machen halt auch irgendwie irgendwas.Außerdem ist das glatt gelogen, denn was die FDP auf keinen Fall für veränderbar hält – weil heilig und quasi naturgesetzlich festgeschrieben – ist die absolute Freiheit des Kapitals und damit auch die Vermögensverteilung. Vielleicht interpretiere ich das Plakat auch falsch und er meint damit ‚Ich kann mich ändern – gebt mir noch ne Chance.‘ Wäre genauso blöd, aber wenigstens ehrlicher.

Was sich dagegen wirklich gut ändern lässt, sind die Wahlplakate der FDP. Dafür muss man nur ein paar Wörter austauschen und schon wird aus Slogans wie „Schönreden ist keine Wirtschaftsleistung“ beispielsweise „Klimakrise ist eine Wirtschaftsleitung“. Aus „Alles geben, auch für deinen Job“ kann man leicht „Alles geben, auch für die Reichen“ machen oder aus „Vater Staat ist nicht dein Erziehungsberechtigter“ so etwas wie „Das Kapital ist dein Ausbeutungsberechtigter“. Alles, was es dafür braucht, ist FDP-gelbes Papier, einen Drucker, eine Schere, Kleber (am besten Sprühkleber), eventuell Klarlack. Die Slogans sind in Arial, bold, bei den A0-Plakaten geschätzt Größe 190. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit steht den FDP-Plakaten bestimmt gut.

In diesem Sinne, packen wir‘s an. Denn alles lässt sich ändern. Nur der Merz … äh, die deutsche Wurst nicht.

Die mobile Version verlassen