Blog #29: Schreiben gegen Ohnmacht
Ein Text für oder gegen die Gegenwart. Von Ann-Christin Kumm
jeden tag mit einer neuen, einst unsagbaren, jetzt normalisierten aussage von politiker_innen aufwachen. ich lese romane aus den 1930er jahren, das gefühl, im geschichtsbuch zu leben.
ich lese irmgard keun: “’eine maus, die durch piepsen eine
lawine aufhalten will’.”
der kanzlerkandidat redet von aberkennung deutscher staatsbürgerschaft. jemand schreibt: noch weiter nach rechts kann es nicht gehen, und ich denke: doch, es kann. jeden tag geht es einen schritt weiter.
dystopie schreiben wird obsolet, wenn die gegenwart dich vorher überholt.
instagram schlägt mir buchbloggerinnen vor, die ein rollenbild propagieren, das ich in den 1950ern verorten möchte, das aber teil der neuen rechten gegenwart ist. es schlägt mir videos
vor, in denen gewalt an frauen als scherz in der beziehung zelebriert wird – er tut so, als wolle er mich erwürgen, ist er nicht goldig?
der versuch, andere plattformen zu finden, spätestens, seit meta hashtags wie #democrats als “sensible inhalte” sperrt. auch, weil ich den täglichen widerspruch zwischen verzweifelten menschen, die auf die verhältnisse aufmerksam machen, und den buchbesprechungen, die sich lesen, als wäre nichts, nicht mehr gut aushalten kann.
flyer verteilen, demonstrieren gehen, mir fällt auf, dass dies jahr die zahlen, die von polizei und veranstaltenden zu demonstrationen genannt werden, weiter auseinanderklaffen als je zuvor. waren nun dreißigtausend dort oder hunderttausend?
privilegien nutzen als weiße, sage ich mir. kämpfen, sage ich mir. widerstand leisten. noch kann ich das schreiben, ohne verhaftung, ohne berufsverbot, noch bringe ich mich nicht in
gefahr damit. währenddessen darf jemand in bayern nicht lehrerin werden, weil sie sich gegen den klimawandel einsetzt. ihr wird “kommunistische” gesinnung vorgeworfen, “extremismus”. so jemand dürfe nicht verbeamtet werden.
wenn man dagegen ein feuerwehrmann ist und eine bekannte vergewaltigt, wird man vom müncher amtsgericht zu nur elf monaten auf bewährung verurteilt. begründung: er verliere
sonst seinen beamtenstatus, das sei nicht zumutbar.
dystopie schreiben wird obsolet, wenn die gegenwart dich vorher überholt.
das linke netz überschlägt sich vor ableistischer sprache. ich verstehe, dass es schwer ist, unfassbares in worte zu fassen, doch die abwertung psychisch kranker menschen, die abwertung behinderter menschen ist ein grundpfeiler rechter politik.
politiker fordern ein “register für psychisch kranke”. messerangriffe werden politisch instrumentalisiert, es sei denn, eine frau wurde erstochen und der täter war ihr (ex)mann, dann gilt es als normal. während ich dies schreibe, zählen wir vier femizide, und es ist noch nicht februar.
ich schreibe mails an abgeordnete. ich gehe mit der angst ins bett und wache mit der angst wieder auf. ich lese victoria wolff: “angst ist kein gesichtspunkt.”
ich denke an luise neubauer, von deren ableistischer rhetorik ich nichts halte, deren aussage (ich paraphrasiere): “sie rechnen mit unserer angst und resignation, und deshalb geben wir sie ihnen nicht”, mich aber ein bisschen aufrecht hält.
nicht die angst geben.
nicht nachgeben.
nicht aufgeben.
ich schreibe einen neuen satz.
Ann-Christin Kumm studierte Germanistik und Medienwissenschaften, wandte sich dann der ökologischen Landwirtschaft zu und arbeitet heute als Gärtnerin und Texterin
In ihren Texten setzt sie sich mit (queeren) Beziehungen, Gewalt und Traumata auseinander.
Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.
Lebt in Berlin.
