Blog #2: Why we should all be feminists

von Bo Franke

Je nach dem, wie weit Du in dem Thema bist, sind die folgenden Gedanken nicht neu. Genauso wenig wie der Titel. Wenn das so ist, freut es mich. Es gibt aber anscheinend immer noch Leute, die bei ‚Feminismus‘ innerlich zucken. Wenn für Dich also allein der Titel nach Vorwurf klingt, dann tu Dir den Gefallen und geh ein paar Schritte mit. Keine Angst, ich habe doppelt eingecremte Samthandschuhe an, nur gute Nachrichten und höchstens die Absicht, ein paar Berührungsängste zu nehmen. Deswegen fange ich auch ganz vorne und ganz basic, sozusagen bei Level 0 und bei mir an.

Ich selbst bin ein weißer cis-Mann. Das heißt, ich bin biologisch gesehen ein Mann und identifiziere mich soweit auch mit meinem biologischen Geschlecht. Ich bin seit längerem dabei zu verlernen, was „Mann“ außerhalb von biologischen Kriterien bedeutet. Und was ich dabei gelernt habe ist, dass ich aufgrund meiner Sozialisation als Mann (90er Jahrgang) viele Erfahrungs-, Wissens- und Wahrnehmungslücken in Sachen Feminismus habe und es gilt hier einiges nachzuholen. Für alle, die jetzt schon „Streber“ denken oder die Augen verdrehen – erste gute Nachricht: Es gibt jede Menge sehr gut gemachte Bildungsarbeit in allen Formaten. Bücher, Comics, Youtube, Podcasts, Interviews, Features und mittlerweile sogar manche Sachen im Fernsehen die Dir die Titelfrage angemessen beantworten können. Da ist für alle was dabei und an der Stelle Danke dafür!

Die zweite gute Nachricht: Bildungslücken oder etwas-nicht-zu-wissen ist nur in Prüfungen ein Problem. Im echten Leben öffnet das zunächst nur die Möglichkeit, sich ein Thema anzueignen. Klar, niemand muss sich mit etwas auseinandersetzen, nur weil sie*er davon keine Ahnung hat – ich will mir auch nichts über südgregorianische Gesangskunst aus dem 12 Jhd. reinziehen, nur weil ich davon keine Ahnung habe – aber in Sachen Feminismus liegen die Dinge anders. Achtung, jetzt kommt das Argument, warum das notwendigerweise auch mit Dir zu tun hat und warum Du Dich damit auseinander setzen solltest. Dafür reicht es schon, wenn Du 3 Annahmen teilst. Sollen wir los?

1. Annahme: Sexismus und strukturell verankerte Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gibt es.

Das heißt, dass sich in der gegenwärtigen (deutschen) Gesellschaft Fälle unfairer Behandlung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts finden und das keine Einzelfälle sind, sondern mitunter strukturell bedingt ist. Statistiken zum Genderpaygap, zum Fehlen von Frauen in Führungspositionen, zu häuslicher und nicht-häuslicher Gewalt gegen Frauen, ungleicher Verteilung von Carearbeit undundund gibt‘s genug.

Glaubst Du nicht und hast auch nichts davon mitbekommen? Dann hast Du Dich in den letzten Jahren wahrscheinlich außerhalb des Planeten rumgetrieben und bist bei Level -50. Sorry, soweit kann ich hier nicht zurück. Nur so viel: es gibt keine Gründe, die rechtfertigen, dass eine Frau für den gleichen Job und bei gleicher Qualifizierung schlechter bezahlt werden sollte, als ein Mann – schon gar keine biologischen. Zum Einstieg ins 21. Jahrhundert gönn‘ dir doch Margarete Stokowski’s „Untenrum frei“. Das ist klug, witzig, verständlich und erweitert den Blick, sodass Du diese Annahme vielleicht mitgehen kannst.

2. Annahme: Dass die erste Annahme gilt, ist ein Problem.

Das heißt, dass Strukturen, die es ermöglichen oder die selbst dazu beitragen, Menschen aufgrund ihres Geschlechts zu diskriminieren, schlecht sind. Es wäre also schöner, wenn es keine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts oder der Sexualität geben würde. Soweit d‘accord?

3. Annahme: Du lebst heute und in dieser Welt und nicht einsam in einer Höhle.

Klingt banal und bedeutet lediglich, dass in einer Gesellschaft lebende Menschen sich dem Einfluss dieser Gesellschaft nicht entziehen können. Dieser Einfluss besteht u.a. im passiven Vermitteln von Werten, Verhaltensregeln, Sprache, Ideen und Vorstellungen. Auch den Vorstellungen von Geschlecht und was das bedeutet. Gesellschaft ist demnach der soziale Rahmen oder Boden, in oder auf dem Du Dich bewegst. Als Teil der Gesellschaft hast Du teil an den Strukturen. Sie färben ab, beeinflussen Dich passiv – ob Du willst oder nicht. Beim Leben in Gesellschaft ist eben immer auch ein Stück Fremdbestimmung dabei.

Zusammengefasst: Es gibt Strukturen in der Gesellschaft, diese sind problematisch und egal wer Du bist, hast Du damit zu tun. Falls Du diese Prämissen mitgehst, nice! Die Frage ist jetzt, wie gehen wir weiter? Mein Vorschlag: beschäftigen wir uns 1. mit den Strukturen und 2. damit, wie sie uns einschränken.

Historisch, sozial, politisch, familiär oder wie auch immer übergeordnete Strukturen in Frage zu stellen ist nichts Neues. Aufklärung und das Loswerden schnöder Kirchenmoral, Kaiser und anderer Herrschaften sind, grundlegend gedacht, gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen hin zu mehr Selbstbestimmung. An der Stelle auch Danke, dass das 21. Jhd. nicht mehr das 20. oder 19. ist. Aber nur weil Kirche, Kaiser oder Führer nicht mehr offensichtlich den Rahmen vorgeben, ist das Ende der Fahnenstange in Sachen Selbstbestimmung noch lange nicht erreicht.

Du findest Fremdbestimmung an sich auch doof, siehst Dich aber heutzutage mit keinerlei Einschränkungen konfrontiert? Dann bist Du wahrscheinlich auch ein weißer cis-Mann oder aus anderen Gründen noch auf Level 0. Aber selbst wenn es sich, insbesondere für cis-Männer, nicht danach anfühlt von diesem Rahmen eingeschränkt zu sein, sind wir es. Was heute herrscht ist eben strukturell angelegt und dadurch besser versteckt – da muss halt ein bisschen genauer geschaut werden. Und je genauer Du guckst, desto offensichtlicher wird es, was da auf Dich einfließt oder Dich einrahmt (Alter Trick). Bis sich ein paar Level später zeigt, wie ungesund oder toxisch diese Fremdbestimmtheit sogar für Männer ist.

And that is why Feminismus? Ja. Weil Feminismus im Grundsatz eine Emanzipationsbewegung hin zu mehr Selbstbestimmung ist. Quasi Aufklärung 2.0. The next step. Magst Du Selbstbestimmung, is Feminismus good for you. Denn das Einfordern von mehr Selbstbestimmung (zum Beispiel: my body – my choice) kommt am Ende allen zugute. Your life – your choice. Für sich selbst und ohne Angst heraus finden zu wollen, welche Rolle Körper und Geschlecht im eigenen Leben spielen soll, schafft gesamtgesellschaftlichen Freiraum. Also auch für Dich und vielleicht, ohne das Du darum gebeten hast. Yippie, Selbstbestimmung für alle!

Okayokay, aber warum will ich Dich da überhaupt mitnehmen? Weil Du gut meine Tante, oder mein Onkel, eventuell meine Mutter, ein Vater von einem Freund, ein Freund und vielleicht sogar eine Freundin sein könntest. Und weil wir fast schon bei Level 1 angekommen sind. Nur noch ein kleiner Schritt.

Und da kommst Du wieder ins Spiel: Da Du unfreiwillig in diese Gesellschaft mit ihrer Geschichte und Strukturen rein geworfen wurdest, bist Du erst mal nicht dafür verantwortlich. Okay?

Zur Sicherheit nochmal: Ich weiß, Du hast keine bösen Absichten, die Welt ist nicht allein deine Schuld und ja, es gibt es wirklich Schlimmere. Gerne können wir kurz verschnaufen und uns an der Stelle gemeinsam über die Weltgeschichte aufregen und ihr die Schuld in die Schuhe schieben. Aarrrhhgg, blöde Welt!

Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass Du ab einem gewissen Grad, beispielsweise Alter, Reife, Über-, Ein-, oder Weitsicht, dafür verantwortlich bist, Dich 1. mit dem passiven Abfärben der Strukturen auf Dich auseinander zu setzen – das heißt zu schauen, was davon an Dir klebt, wo und wie Dich diese Bedingungen beim Denken, Verhalten, Sprechen, Fühlen beeinflussen und einschränken, möglicherweise ohne das Du es bisher gemerkt hast. Und 2. das, was daran für Dich, für andere, für die Gesellschaft problematisch ist, aus Dir raus zu bekommen. Weil sonst trägst Du das Gepäck einfach weiter mit Dir herum (Annahme 3) und das stabilisiert dann die Strukturen (Annahme 1), die wir doch eigentlich loswerden wollten (Annahme 2). Und das macht das Weiterkommen für alle nur umso schwerer.

Dazu ein Scheiß-Vergleich:

Wer in bullshit gefallen ist, kann diesen bullshit entweder ignorieren und versuchen, damit zu leben (das ging ja auch wunderbar bis ins 21. Jhd. hinein, weil die Mehrheit angeschissen war und sehr viele sehr lange mit jeder Menge Shit um sich geworfen haben, bis Shit und Boden nicht mehr zu unterscheiden waren). Oder Du lernst von Menschen, die irgendwann damit angefangen haben, den verkrusteten Shit als Shit zu kennzeichnen, denen der Shit stinkt und die ihn sich ab- und damit neuen Boden frei kratzen. Last good news: Diese Menschen sind so freundlich uns zu zeigen, wie das geht und wollen nichts Böses. Es geht im Feminismus um individuellen Freiraum und weniger übergeordnete Fremdbestimmung. Und aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: beides mega-nice und einmal drin fühlt es sich teilweise wie Psychotherapie zwischen mir und gesellschaftlichen Strukturen an. Und über den individuell geschaffenen Freiraum werden Platz und Chancen für Neues und weniger Fremdbestimmung auf der größeren Ebene frei. And thats why we should all be feminists.

P.S.

Für den Fall, dass Du Dich dennoch ärgerst, bis hier hin gelesen zu haben: stop stinking bzw. hör auf zu stänkern. Durchatmen und nochmal lesen oder ein für Dich passendes Format suchen. Zum Beispiel Chimamanda Ngozi Adichie‘s Essay, von dem der Titel geklaut ist, oder die Comics von Liv Strömquist oderoderoder. Und wenn Du dann immer noch glaubst, das habe alles nichts mit Dir zu tun, dann nehme ich die Samthandschuhe gerne zu unserem nächsten Treffen mit. Denn ich sehe Dir und der Welt so ungern beim Stehenbleiben zu.

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