Blog #3: Mein Jungfernhäutchen ist in Wahrheit ein Schellenkranz

von Ulla Hiltl

Das Jungfernhäutchen ist ein ganz besonderes Gewebe. Es liegt im Verborgenen und kaum jemand kann wahrscheinlich wirklich beschreiben, wie es aussieht. Weil es niemand zu Gesicht bekommt. Dabei spielt es zumindest in der Vorstellung von der sogenannten Entjungferung eine große Rolle. Teilweise wird das unversehrte „Häutchen“ tatsächlich als Garant für den Nachweis gehandelt, dass eine Frau noch nie mit einem Mann geschlafen hat. Als Beweis für den Wert der Frau mit unberührtem Hymen, wird am nächsten Morgen das blutbefleckte Laken präsentiert.

Um die Vorstellung der Unberührtheit zu bedienen, ist ein medizinischer Eingriff entstanden, der Frauen ein Jungfernhäutchen bastelt, das durchstoßen werden oder einreißen kann, sodass für die, denen es wichtig ist, Blut fließt bei der Defloration. Sollte die Frau also schon wissen, dass in ihrer Hochzeitsnacht kein Blut fließen wird, weil sie vergewaltigt wurde und das nicht öffentlich machen konnte, weil ihr das niemand glauben würde, oder weil sie freiwillig schon Sex hatte oder weil sie einfach weiß, dass es bei der ersten Penetration selten blutig zugeht, kann sie sich vertrauensvoll an eine Arztpraxis wenden. Dort hat sie zwei Möglichkeiten. Entweder sie lässt den bestehenden Scheidenkranz so weit verengen, dass er beim sexuellen Kontakt einreißen muss und (hoffentlich) blutet. Oder sie lässt sich durch einen eher kosmetischen Eingriff das Hymen rekonstruieren. Eine Variante davon stellt die Hymen-Gewebeverdickung dar, bei der eine kosmetische Membran mit einem Kapselimplantat am Hymen angebracht wird. Bei vaginalem Geschlechtsverkehr reißt das Gewebe und lässt die rote Gelatinefüllung austreten. Die Menge an ‚Blut‘, die hier austritt, ist nicht mit der Menge möglicher Blutstropfen bei einer natürlichen Defloration zu vergleichen. Da aber durch das gut sichtbare Blut die Jungfräulichkeit entgegen allen Wissens als bestätigt angesehen wird, gilt diese Methode als beliebte der Form der Hymenalrekonstruktion. Auch der Mann fühlt sich in seiner Funktion als potenter Liebhaber bestätigt, wenn es besonders blutig zugegangen ist.

Eine andere Form medizinischer Kontrolle über die weibliche Sexualität ist die Beschneidung von Frauen. Die weibliche Genitalverstümmelung stellt dann eine traditionelle Handlung dar, die aus verschiedenen Gründen vollzogen wird. Zum Beispiel aus einem vermeintlichen Schönheitsideal heraus. Die Vulva soll glatt und schmal erscheinen, abstehende Hautpartien werden als unästhetisch abgelehnt. Dieser Eingriff soll die Chancen einer Heirat erhöhen und da viele Frauen in diesen Gesellschaften existenziell abhängig von Männern sind, lassen sie das Ritual zu. Zudem stellt dieser Eingriff einen Initiationsritus dar, der das Mädchen zur Frau macht und sie in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufnimmt. Auch die Vorliebe für sogenannten trockenen Sex ist mancherorts ein Grund für weibliche Genitalverstümmlung. Unter Infibulation versteht man die Verengung der Vaginalöffnung z.B. durch Zunähen. Da Gerüche oder Geräusche durch die natürliche Feuchtigkeit teilweise als abstoßend empfunden werden, soll sie auf diese Weise unterdrückt werden. Das Unterbinden der natürlichen Befeuchtung der Scheide beim Geschlechtsverkehr, führt zu einem erheblichen Infektionsrisiko, neben Schmerzen und mangelndem Lustempfinden.

Viele Frauen, die beschnitten wurden, geben diese Praxis an ihre Töchter weiter, in dem Glauben ihnen Richtiges und Gutes zu tun. Die Mädchen sind größtenteils so jung, dass sie entweder nichts über die Beschneidung wissen oder sich nicht dagegen zur Wehr setzen können. Meistens werden sie als Kinder oder in der Pubertät beschnitten, sodass sie nie eine andere Form der Sexualität kennenlernen. Aber sie lernen, Schmerz zu ertragen und ihren Körper zu kontrollieren, was als wichtige Eigenschaften einer erwachsenen Frau angesehen wird. Vor allem aber steht somit die Kontrolle über die weibliche Sexualität im Mittelpunkt. Beschnittene Frauen gelten als lenkbarer und folgsamer.

Solange Kontrolle über den weiblichen Körper und seine Sexualität ausgeübt wird und nicht jede einzelne Frau selbst darüber entscheiden kann, was und in welcher Form sie mit ihrem Körper erleben will, ist die Selbstbestimmung der Frau eine hohle Worthülse. Und auch wenn es in westlichen Kulturkreisen keine traditionelle Praxis darstellt, werden auch hier ‚kosmetische Eingriffe‘ am weiblichen Geschlecht aufgrund ‚ästhetischer Ideen‘ und gewissen Vorstellungen von Sexualität durchgeführt.

Mittlerweile weiß man, dass das Jungfernhäutchen keine Haut darstellt, die über dem Scheideneingang gespannt ist. Vielmehr spricht man von einem Gewebekranz, der sich schon vor der Geburt öffnet. Allerdings gibt es viele verschiedene Formen dieses Kranzes, sodass bei dem ersten Geschlechtsverkehr tatsächlich Schmerzen und Blutungen auftreten können. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Frauen, die bei ihrem ersten sexuellen Kontakt nicht bluten, keine Jungfrauen mehr sind. Ihr Hymen hat dann halt eine Form, die der eindringende Penis nicht einreißt und somit auch nicht zum Bluten bringt. Der schwedische Sprachrat hat den missverständlichen Begriff des Jungfernhäutchens 2009 gegen das Wort ‚Scheidenkranz‘, lat. vaginale Korona, ausgetauscht. Als ich nachschauen wollte, ob man es in Deutschland vielleicht dem Nachbarland im Norden gleichtun wollte, habe ich den Begriff ‚Scheidenkranz‘ online im Duden eingegeben. Die Antworten:

Meinten Sie vielleicht Schellenkranz?

Scheidenkranz liefert keine Ergebnisse. Wir haben stattdessen nach Schellenkranz gesucht.

Ihre Suche im Wörterbuch nach Schellenkranz ergab folgende Treffer:

Musikinstrument, das aus einem Holz-, Metall- oder Kunststoffreifen mit Schlitzen besteht, in denen Metallscheiben lose an Metallstiften angebracht sind, und das rhythmisch geschlagen oder geschüttelt wird

Sofort habe ich mir vorgestellt, ich hätte einen Schellenkranz anstelle eines Scheidenkranzes.

Vielleicht würde er erklingen, wenn zum ersten Mal der Penis eindringt. Als Tusch? Ein Tusch der akustisch kundtut, dass das erste Mal vollzogen ist. Mit zunehmendem Verständnis für die Vorgänge der Sexualität, könnte der Scheidenkranz weiter wie ein Musikinstrument oder eine Fanfare genutzt werden.

Mein erstes Mal liegt lange hinter mir und ist auch nicht einen Ton wert. Obwohl ich es amüsant finde, dass mir bei der Suche nach dem Wort Scheidenkranz das Wort Schellenkranz angeboten wird, würde ich es begrüßen, wenn der Begriff Jungfernhäutchen gegen Scheidenkranz ausgetauscht werden würde. Das wäre im Zuge der Versuche, die weibliche Sexualität zu erkunden, zu entmystifizieren und darüber aufzuklären, ein richtiger Schritt. Drum lasst die Hymen aller Länder erklingen – TUSCH!

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