Blog #16: Ein Plädoyer für mehr Poesie im Alltag.

Von Sara Ehsan

Deutschland, das Land der Dichter und Denker? Muss schon weit her sein, dass man das ernst genommen hat. Ein Blick auf die hiesigen Buchhandlungen zeigt uns ein anderes Bild, zumindest was die Dichter*innen angeht. Es mag sie noch geben, die Dichter*innen, aber gelesen werden sie kaum. Leider hat sich die Leidenschaft, Gedichte zu lesen, aus dem Staub gemacht, sei es wegen der tödlichen Langeweile einer Gedichtinterpretation, die niemand freiwillig in der Schule machen möchte, sei es wegen dem ewigen Verschweigen der Dichtkunst im Rundfunk und Fernsehen. Wann war das letzte Mal, dass sie Gedichte im Radioprogramm gehört haben, oder eine Show mit oder über Dichtenden gesehen haben? Außer nie oder schon sehr lange her, würde den meisten nichts einfallen. Doch wer rettet uns vor dieser poesielosen Welt?

Ich erinnere mich an meine Kindheit, dass Lyrik ein Teil unseres Lebens war. Wenn man das Radio anschaltete, hörte man zuerst Gedichte vor den Hauptansagen, manchmal war es so unrealistisch im Angesicht des Krieges, der Gewalt der Regierung gegen ihre Bürger, dass es fast schon wahnwitzig war mit solch betörend schöner Poesie den Morgen zu beginnen und den Abend zu beenden. Auf jedem Dokument oder Urkunde mussten grundsätzlich irgendwelche Gedichtverse zu finden sein. Väter, Onkel, Mütter und Tanten trugen uns Gedichte vor zu Situationen, in denen sie uns belehren oder den tieferen Sinn indirekt über ein Gedicht nahebringen wollten. Mein Vater las und trug uns täglich Gedichte vor, und nicht nur für uns, sondern auch für Gäste, den Taxifahrer, dem emsigen Geschäftsmann im Bazar, dabei vergaß er alles, er lächelte oft oder schüttelte vor Verwunderung seinen Kopf und manchmal entwischte ihm eine Träne unter der dicken Lesebrille. Jeder kannte bei uns Gedichte vom einfachen Dorfbewohner bis zu Gedichtrezitationswettbewerbe für Schüler*innen, vor jedem Fest, jeder Feierlichkeit, jedem Trauerzug wurden Verse unserer Dichter*innen vorgetragen, keine Romane, nein, auch keine Krimis oder Sachbücher.

Als Dichterin habe ich mich dran gewöhnt erstmal die Buchhändler*innen zu fragen, ob sie überhaupt einen Bereich für Gedichte haben, die meisten entschuldigen sich einmal, weil es nur 20 cm Platz im Regal sind, eingequetscht zwischen Ratgeberbüchern und Kalender, hinter der Kasse, wo kein Mensch hinlaufen würde, oder es gibt sie schlicht und ergreifend gar nicht. Die gängige Antwort: „Lyrik verkauft sich nicht so gut!“ Als wäre das Grund genug, dieser ursprünglichsten Art zu kommunizieren aus dem Laden zu schmeißen. Es gibt, trotz alldem, ehrenwerte Buchhandlungen, die mit Stolz ihr Lyrikregal präsentieren, mehr als ein ganzes Regal habe ich so gut wie nirgends zu sehen bekommen. Es müsste einen heroischen antikapitalistischen Buchladen geben, der nur Lyrik anbietet, um zu zeigen, dass das was sich nicht verkauft, trotzdem gelesen wird, oder werden sollte.

Sterben die Dichter*innen aus, oder die Dichtung selbst, oder ihre Leserschaft? Oft hört man sogar unter Literaturinteressierten und Viellesern den Spruch: „Ne, also Lyrik ist nicht so mein Ding!“ Stimmt, Poesie ist auch nicht ein Ding, sondern eine Kunstform, eine Lebensart, ein Weg die Welt zu betrachten und in Worte zu fassen, zu begreifen.

Wenn ich mir überlege, wie viele klassische Dichter*innen aus etlichen Ländern nicht ins Deutsche übersetzt werden, blutet mein Dichterinnenherz, welches Gut, dass der Welt verschlossen bleiben wird. Dichtung gehört aber allen, nicht nur einer Elite oder müßiggängerischen Träumern, um auch dem Klischeebild der Lyrikleserschaft gerecht zu werden. Dichtung gehört auf die Straße, in den Radiosendern, ins Fernsehen, auf die Hauswände und in die Schulen und nicht in Form von ein für alle Mal die Liebe zur Dichtung exorzierende Gedichtanalyse oder Gedichtinterpretation, sondern in der kreativen Beschäftigung mit Poesie.

Poesie will geschrieben sein und jeder hat das Zeug zum dichten, vielleicht nicht zum Größten, aber genauso wie man in Bildende Kunst auch keine zukünftigen Künstler heranbildet, sondern ihnen das Handwerk vermittelt ihre intrinsischen Talente zu erkunden, kann man durch den Kontakt zu zeitgenössischen Dichter*innen im Unterricht der jüngeren Generation die Themen, Form und Inhalt der Gedichte direkter nahebringen. Poesie kann erfahrbar werden, wenn man über ihre Formgrenze auf die emotional-menschliche Ebene reicht in der sie für jeden fühlbar, tastbar, schmackhaft und hörbar wird. Man kann den Kindern am Bett auch Gedichte vortragen. Das schadet nicht, sondern schult das Gehör und vielleicht auch das Verständnis für Sprache als Kunstform und ihre Ausdrucksmöglichkeiten.
In einer Welt, in der wir mit zu vielen Informationen geimpft werden, besteht die Gefahr, dass Worte nur für Wörter gehalten werden – belanglos, schalenhaft, sinnentleert – doch der Zugang zur Poesie entsteht erst, wenn wir uns für die Worte öffnen, ihren Klang, Geschmack und Duft in uns aufnehmen und sie sinnlich erfahren.

Deshalb: Lest mehr Poesie!


Zur Autorin

Sara Ehsan wurde 1977 in Shahroud, im Iran geboren und arbeitet momentan in Karlsruhe als Autorin, Farsi-Lehrerin und beeidigte Übersetzerin für die Sprachen Farsi und Dari.

In den letzten zehn Jahren veröffentlichte sie zwei Gedichtbände, ebenso Beiträge in Anthologien und Zeitschriften und arbeitete an mehreren filmischen Projekten. Mehr über sie erfahrt ihr auf: https://www.saraehsan.de/.

5 Kommentare zu „

  1. hallo.

    das lese ich immer wieder. immer wieder dasselbe. immer wieder. gebetsmühlenartig. und wenn ich dann einen dichter/in frage, wann und ob er auch lyrik kauft kommt meist: nee.
    aha. interessant, nicht? sie beklagen, dass sie nicht veröffentlicht, gehört/gelesen werden, lesen aber selbst kaum „fremd“ und kaufen noch seltener bis gar nicht.

    ich kaufe sehr viel lyrik, ich schreibe sehr viel lyrik. ich lese sehr viel lyrik und finde lyrik überall. in dfen läden gibt es häufig „die gängigen“, wie rilke, bukowski, maleko, heine, brecht, ausländer und noch ein paar wenige andere. ich bestelle auch sehr viel lyrik. mein lyrikregal dürfte inzwischen auf etwa 300 gedichtbände angewachsen sein, gedichtbände aus aller welt.

    mit einem teil an lyrik kann ich null anfangen, nichts, niente, das ist „kalter kram“, irgendwelche konstruktionen, fernab von gefühl. lebendigkeit und welt. künstlich und leblos. das gibt mir nichts. wortspiele und wortspielereien und das spiel mit sprache hingegegen gefällt mir sehr, aber es braucht substanz, intelligenz, herz und/oder witz für mich, damit es mir gefällt.

    sich aufs fernsehen oder radio zu berufen, nun ja, was ist mit der eigenverantwortung? es gab vor jahren im wdr eine reihe, in der es ausschließlich um lyrik ging. das ist immer noch bei yout. zu finden. es gibt auch sehr viele lyrikclips auf den videoportalen. es gab auch eine literatursendung bei den öffentlich-rechtlichen, aber ich glaube, das gibt es nicht mehr (denis scheck). dann in 3sat gibt es ebenfalls ein literaturprogramm.

    was ist mit lyrik im aktuellen leben und umfeld? es gibt hier in berlin das lyrikfestival, es gibt regelmäßige lesungen und poetry slams. das open mike auch. es gibt dann noch das literaturfestival. und wettbewerbe, in denen es darum geht, gedichte „zu verfilmen“. es gibt im auch eine gruppe von (auch veröffentlichten) lyrikern, die regelmäßig besprechen, schreiben, diskutieren, lesen. es gibt unzählige literaturgruppen. und es gibt unzählige literaturkurse, die allerdings oft so unverschämt teuer sind, (häufig für ein wochenende ein dreistelliger preis), was ich wirklich sehr bedauerlich finde. das internet ist voll von lyrik, auch istagram. lyrik ist also überall präsent!

    es gibt also sehr viel. und auch sehr viel lyrik. leider auch sehr viel lyrik, die mich persönlich nicht anspricht, auch wenn die autoren/innen bekannte autoren/innen sind.
    so liest eben jeder anders. wie auch jeder anders schreibt. ich denke auch, dass nicht jeder gedichte schreiben kann, vielleicht zwecks verarbeitung von lebenserfahrungen, aber nicht so, dass es zum veröffentlichen kommt. viele wollen das auch gar nicht. das finde ich auch okay. wenn es hilft lyrik zu schreiben, hat es damit auch den zweck erfüllt.

    liebe dichteringrüße
    m.

      1. Liebe Wolkenbeobachterin, danke für dein Kommentar, ja, du hast Recht, ich habe keine Gedichte von mir auf meine Website gestellt, vielleicht sollte ich es.

      2. liebe s.e.,
        das wäre wirklich schön. so könnte ich und auch andere deine gedichte lesen. so gelangt
        wieder ein stück lyrik in die welt, nicht?
        vielleicht eine kleine auswahl? das wäre schön.
        ich würde mich freuen, wenn du sagst, wie
        du dich entschieden hast.
        hab einen insprierenden tag,
        liebe grüße aus berlin,
        m.

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