Blog #5: Deutsch für Gegenwärtige

von Jonas Linnebank

Im Moment läuft “Türkisch für Anfänger” (Bora Dagtekin) auf Netflix. Zuerst ausgestrahlt wurden die drei Staffeln von 2006 bis 2008 im Ersten Deutschen Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Meine Freundin und ich gucken die Serie gerade und fragen uns, ob und wie die Öffentlichkeit heute darauf reagieren würde.

Auf dem Poster, das in Lenas Zimmer hängt, könnte Hermann Hesse fast als schwarz gelesen werden. Die Protagonistin Lena Schneider ist rassistisch, ihre Halbschwester Yağmur Öztürk trägt Kopftuch und hat nicht weniger Vorurteile. Mama Doris ist (vielleicht nicht nur, aber vor allem) für AfD-Wähler*innen obszön aufgeklärt, Papa Metin ist unkommentiert bei der Berliner Kripo. Cem verliebt sich in seine Halbschwester Lena und gibt ihr eine der schönsten Erklärungen für die Liebe, die ich seit langem gehört habe (S1: E10). Er und sein kleiner, schüchtern gezeichneter Bruder Nils zocken zusammen Playstation und Siedler. Axel, Lenas erster Freund, sagt: “Wenn junge verliebt ist”, versuche er nicht seiner Freundin rumzukriegen. Deswegen würde in der FAZ heute wahrscheinlich das halbe Feuilleton Sturm laufen und fragen, wann wegen des “Genderwahnsinns” endlich der dritte Weltkrieg ausbricht. 

So heteronormativ die Geschlechterrollen in “Türkisch für Anfänger” auch sind, so viele rassistische Stereotypen es gibt, die reproduziert werden inkl. N-Wort-Drop, so viel Verbesserungspotenzial in Sachen Diversität es auch gäbe: “Türkisch für Anfänger” war ein Anfang, der in die richtige Richtung hätte gehen können; Ein Anfang für Diskurs und vor allem: Reflexion. Reflexion über Stereotypen und über Menschen, die eben facettenreich sind, mit gebrochenen, vielfältigen Identitäten. So etwas wie eine Aufarbeitung von allbekannten Floskeln hätte beginnen können: Dass Arbeiter*innen gerufen wurden und Menschen kamen. Menschen, die Deutschland zu Niedriglöhnen aufgebaut haben und dafür keine Anerkennung bekamen, sondern beschimpft, missachtet, kriminalisiert, abgeschoben oder im schlimmsten Fall sogar ermordet wurden. 

Ich glaube, dass das alles hätte passieren können. Tagtäglich hören wir ja von Kleinauf an von Fortschritt und Aufklärung und Dingsdangs. Deutschland aber ist fortgeschritten. Ganz woanders hin. 

Im Moment laufe ich einmal am Tag an einem Plakat des Reichs… äh… Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vorbei, das mir schwarz-rot-gold hinterlegt zuruft: “Deutschland macht’s effizient.” Wer denkt da denn nicht: Klar. Haben wir im Geschichtsunterricht gelernt. Das haben wir schon immer gekonnt. Letzten Montag habe ich in der Süddeutschen gelesen: “Ureinwohnerin Deb Haaland als US-Innenministerin bestätigt,” darüber das Bild einer schwarzhaarigen Frau, die martialisch, mit offenem Mund porträtiert wird.

Dass die AfD und rechtsextreme Menschen eine Gefahr für die Demokratie sind, muss nicht erklärt werden. Dass die Große Koalition, dass CDU, CSU und SPD, dass die vermeintliche Mitte, dass Rassismus eine Gefahr für die Demokratie sind; Das wissen Anfang 2021 scheinbar die wenigsten. Denn sich gegen Rassismus und für Demokratie einzusetzen, fällt nicht nur den Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten schwer. 

Vor ein paar Wochen waren meine Freundin und ich auf einer Wohnungsbesichtigung. Als wir nach den Nachbarn fragten, wurde uns gesagt, dass die alle ganz nett sein. Dann sagte die Vermieterin, da wohne auch eine türkische Familie (und das ‚türkische‘ flüsterte sie fast), aber die seien auch ganz nett. Es war eine wirklich sehr nette Frau. Mich würde nicht wundern, wenn sie selber nicht wüsste, warum sie das, was sie gesagt hat, so vor sich hin geflüstert hat. Nicht zu reden. Zu flüstern. Oder noch besser: Zu schweigen. Das ist Deutsch für Gegenwärtige.

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