Blog #18: Die deutsche EM-Niederlage kostet die CDU 5%. Danke Jungs!

Von Philipp-Bo Franke

Deutschland ist ausgeschieden. Vorbei. Verloren. Verspielt. Denn im Fußball gilt: Wer keine Tore schießt, kann in der Regel auch nicht gewinnen. Das ist nicht neu, aber bei den deutschen EM-Auftritten wieder mal sichtbar geworden. Ebenso wenig neu, aber während dieser EM wieder sichtbar geworden, ist, dass so ein internationales Fußballevent auch immer ein Stück Hunger nach Völkerschlachten präsentiert und nicht nur Kanal für die Machtgelüste der Funktionäre, Sponsoren und nationalen Verbände ist, sondern auch für die Sehnsüchte nach Heldentum, Kampf und unschuldigen Nationalfeelings in kollektiver Harmonie.

Die Ungarn verabschieden sich mit dem Hand auf dem Herzen die Nationalhymne singend, Spieler und Fans wohlgemerkt, teilweise unter Tränen. Das beste Beispiel ist hier aber Dänemark, das im ersten Spiel seinen Anführer und Strategen Christian Eriksen verlor, jetzt in seinem Namen weiterspielt und zusammengeschweißt durch den Schicksalsschlag nun alle Sympathien trägt. Und solange Dänemark die EM rockt, solange interessiert sich auch niemand für die ausländer*innenfeindliche dänische Politik. EM, das heißt nämlich auch, dass es wieder Nationen mit ihren aufopferungsvoll kämpfenden Truppen gibt, die mit überfallartigen Angriffen versuchen die Bollwerke der Gegner zu durchbrechen, sie erst beherrschen und dann versenken, um den Sieg für die Heimat zu erringen. EM, das ist nationaler Gesprächsbedarf und Einigkeit, das ist Auszeit von Corona und Rassismus.

Das will kein Spielverderberkommentar sein. Ich gucke selbst gerne und es hätte mich wirklich gefreut, die deutsche Mannschaft im Finale zu sehen. Auch sehe ich bei dieser EM deutlich weniger schwarzrotgold aus den Autos und Fenstern hängen und deutlich weniger SCHLAAAND-Mentalität. Aber bei solchen Schlagzeilen wird eben doch deutlich, wie Mannschaftssport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen als Kriegsschauplatz und Nationalhelden herhalten kann:

„Dänemark rollt über die Russen wie ein Panzer […] Vier Tore im Namen Eriksens.“ Gazzetta dello Sport

„Dänemark spielt in Eriksens Namen und vernichtet Wales. Held des Abends ist Kasper Dolberg, der nicht mehr zu bremsen ist.“ Corriere della Sera

„Niederlande zerschmettert Ukraine“ Infoscreen deutsche Post

„Was für ein Machtbeweis: Deutschland niedergestreckt.“ Tuttosport

„Die ‚Bleus‘ haben keinen Hunger, sie haben Reißzähne. Ausgehungert. Bereit, alles zu verschlingen. Nach einer Partie von hoher Intensität, die den größten Länderspielen würdig war, verließen Deschamps Männer München, nachdem sie über das deutsche Team hinweg marschiert waren.“ Le Figaro

„Die deutschen Panzer zerstören den zerbrechlichen portugiesischen Abwehrblock.“ A BOLA

„Das echte Deutschland ist zurück“ Gazetta dello Sport

„Das Wunder ist ausgeblieben. Die ungarische Nationalelf stand kurz davor, die Helden des Jahres 1954 zu rächen.“ Sport

„Die meisten Schweizer Helden jubeln mit der Hand auf dem Herz. Hand aufs Herz, so macht unsere Nati Spaß!“ Blick

„England explodiert, nachdem wir den alten Feind in Wembley geschlagen und 55 Jahre Schmerz beendet haben. Englands Gladiatoren ziehen nach Rom!“ Daily Mail

„England verschlingt Deutschland.“ El Mundo Deportivo

Ein Kommentar aus dem Netz auf die Frage einer userin, ob es diese Kriegsmetaphern denn bräuchte, lautete: Das sind Übertreibungen, die den jeweiligen Artikel dramatischer wirken lassen sollen. Ein historischer Augenzwinker. Kein Grund zur Panik.

Medientheoretisch nicht toll, aber nachvollziehbar, auch wenn ich mich frage, ob die Zuschauer*innen diese Theatralik und Vokabular brauchen oder viel mehr die Reporter*innen selbst. Für mich dagegen nicht so nachvollziehbar ist, wie historisches Augenzwinkern im Angesicht von „den echten Deutschen“ und „deutschen Panzern“ aussieht oder ob das überhaupt möglich ist.

Nicht neu, aber bei dieser EM mal wieder offensichtlich ist auch, dass Anti-Rassismus-Bekenntnisse im Fußball selten mehr als Lippenbekenntnisse sind und die Spieler zwar dafür gelobt werden, UEFA und FIFA aber nicht mehr tun, als den Slogan „no room for racism“ marketingmäßig zwischen die Logos von VW, Gazprom, Coca-Cola und TikTok zu quetschen und sich selbst auf die Toleranz-Schulter klopfen für die Entscheidung, kein Verfahren gegen den DFB zu starten, weil uns Manu Neuer eine Regenbogenkapitänsbinde trug (Der DFB tut natürlich auch nicht viel mehr dagegen oder für eine Neuausrichtung des Verbands). Neu dagegen ist nur, dass die EM in ganz Europa stattfindet und viel mehr Spiele hat, was aber wiederum dem alten Motto Mehr = Mehr zu verdanken ist. Mehr Spiele, mehr Flüge, mehr Werbung, mehr Einnahmen. Für die Funktionäre funktioniert es.

Bei alle dem frage ich mich, ob das frühe EM-Ende der deutschen Mannschaft was Gutes hat und denke, dass sich die deutsche Unzufriedenheit von der sportlich-nationalen Ebene so womöglich auf die politische Ebene verschiebt und die CDU im September ca. 5% kostet. Grob geschätzt und weil beides zusammenhängt. Denn wäre Deutschland neben Exportweltmeister auch noch Fußballeuropameister, gäbe es in der kollektiven Psyche dieses Landes wohl noch weniger Veränderungsbereitschaft und Sehnsucht nach Neuem. Denn wenn wir mit altem Personal immer noch Europameister werden und besser sind als alle anderen, dann braucht es schließlich auch auf politischer Ebene keinen Wechsel. So die These, die natürlich übertrieben ist und mit einem gesellschaftspolitischem Augenzwinkern versehen. Aber das Fußball das kollektive Bewusstsein einer Nation nicht nur prägt, sondern dafür auch eingesetzt wird, ist wieder ein alter Hut.


Über die Neuheiten und Netzwerke im internationalen Geschäft zwischen Fußball und Politik hat kürzlich Ronny Blaschke in seinem Artikel SPIELFELD DER STARKEN MÄNNER, im Freitag, Nr. 23/2021 berichtet.

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